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Die Geschichte von Hanf – Eine (Liebes-)Beziehung

Von 22. November 2020Keine Kommentare

Der Mensch pflegt eine jahrtausendalte Beziehung zur Hanfpflanze. Sie zählt somit zu den ältesten Kulturpflanzen der Geschichte. Verschiedene Völker nutzten Hanf seit jeher um Textilien, Nahrung, Arznei- und nicht zuletzt Rauschmittel herzustellen. Um an dieser Stelle keine Verwirrung zu stiften, müssen wir erst einmal ein paar Begrifflichkeiten klären. Botanisch stellt Hanf (lateinisch: Cannabis) eine Pflanzengattung innerhalb der Familie der Hanfgewächse dar, zu der auch Hopfen gehört. Umgangssprachlich versteht man unter Hanf eine Art innerhalb der Gattung Cannabis, die wissenschaftlich als Cannabis sativa L. bezeichnet wird. In der Botanik besteht ein Artname immer aus einer Zusammensetzung von Gattung und Art. Der Artname bezieht sich somit auf die Pflanzengattung (Cannabis) und die Art (sativa). Sativa bedeutet nichts weiter als gesät. Der Buchstabe L. steht für den schwedischen Botaniker Carolus Linneaeus, der die Hanfpflanze 1753 wissenschaftlich klassifizierte. Nutzhanf hingegen bezeichnet Kulturformen der Art Cannabis sativa L., die zur kommerziellen Nutzung angebaut werden. Marihuana hingegen ist ein Begriff der in den U.S.A. lange für Cannabis als Arznei- und Rauschmittel bzw. Droge stand und aus dem mexikanischen Spanisch stammt.

Hanf und der Mensch

Durch archäologische Funde oder historische Texte kann die Geschichte der Nutzung von Hanf weitgehend nachverfolgt werden. Mithilfe von modernen Verfahren wie der Pollenanalyse, die Rückschlüsse auf das Alter fossiler Pollen zulässt, lassen sich heute die Lücken in der Geschichte füllen. Die ersten Nachweise für die Nutzung von Hanf finden sich in China. Dort wurden bereits 8000 Jahre vor Christus (BC) die verschiedenen Bestandteile der Pflanze für unterschiedliche Zwecke verwendet. Die Hanfsamen dienten als wertvolles Nahrungsmittel, während die Fasern der Stängel für die Herstellung von Textilien und Papier genutzt wurden. Auch die medizinische Wirkung der Hanfpflanze war bereits den Chinesen bekannt. Dort wurde es schon 5000 BC für die Behandlung von Malaria, Rheuma, Regelschmerzen und weiteren Beschwerden eingesetzt. Die kommerzielle Nutzung von Hanf wurde zuerst 105 BC durch den damaligen Minister für Landwirtschaft Tsai-Lun in Form der Papierherstellung eingeführt. Neben China finden sich auch im mittleren Osten Belege für die frühe Nutzung von Hanf.

Der lange Weg nach Europa

Es ist wahrscheinlich, dass das Wissen der Nutzung aus dem fernen Osten (China) über den mittleren Osten (Persien und Ägypten) nach Europa gelangte. Womöglich kam der Hanf auch direkt aus China nach Griechenland. Die Griechen unterhielten Handelsbeziehungen zu dem Volk der Skythen, die wiederum mit den Chinesen in Kontakt standen. Hanfsamen aus dem Gebiet der Skythen lassen sich auf 4000 BC zurückdatieren. Funde von Textilien in der Schweiz, Österreich, Irland, Griechenland und der Türkei stammen aus einem Zeitraum um 2500 BC. Auch den Römern war Hanf als Kulturpflanze bekannt. Lucius Columelle, ein römischer Agronom, beschrieb detailliert den Anbau der Pflanze. Wahrscheinlich waren sie es, die die Pflanze endgültig in Europa etablierten. So wurde sie durch die römische Besetzung von England 70 Jahre nach Christus (AD) nach England gebracht. Im Mittelalter um 1000 AD fand Hanfbutter als wichtiges Nahrungsmittel Verbreitung und das Wort „hempe“ wurde im englischen Lexikon verzeichnet. Auch christliche Pilger, die im mittleren Osten verkehrten, sowie Menschen, die durch die Kreuzzüge in die Region kamen, trugen zu der Verbreitung von Hanf in Europa bei. Im Mittelalter haben Krieger nachweislich Hanfbier zur Stärkung getrunken.

Eine Pflanze bestimmt den Ausgang der Geschichte

Zu Zeiten der Seefahrt im. 17., 18. und 19. Jahrhundert wurde Hanf in Europa vor allem in Form von Fasern für die Herstellung von Segeln und Seilen verwendet. So wurde es über die Zeit zu einem der wichtigsten Rohstoffe, über den sogar Kriege geführt wurden. Im Jahr 1807 unterzeichnete Napoleon ein Abkommen mit dem Zaren von Russland, das ihn anwies, jeglichen Handel mit Hanf zwischen Russland und England zu unterbinden. Denn die Flotte der Engländer war fast vollständig von dem Rohstoff Hanf abhängig. Die Pflanze entschied mittlerweile also sogar über den Ausgang der Konflikte zwischen ganzen Weltreichen.

Hanf im industriellen Zeitalter

Durch das Aufkommen von Baumwolle als Rohstoff für Textilfasern und die Dampfmaschine, während dem 19. Jahrhundert bekam die Hanfpflanze in zwei Bereichen Konkurrenz, die bislang entscheidend für ihren Erfolg waren. Die Erfindung der Baumwolldreschmaschine stellte den Wendepunkt im Wettbewerb zwischen Baumwolle und Hanf als Textilfaser dar. Sie machte die Produktion von Baumwollfasern mit einem Schlag weitaus effizienter als die Herstellung von Hanffasern. Auch die weichere Konsistenz der Fasern aus Baumwolle stellten in einer Zeit, in dem die Menschen mehr und mehr nach einem bequemeren und einfacheren Leben trachteten einen entscheidenden Vorteil dar. Die Erfindung der Dampfmaschine zusammen mit der Herstellung von Stahl führten dazu, dass Windkraft in der Seefahrt bald der Vergangenheit angehörte. Die letzten großen Segelschiffe wurden um 1890 gebaut. Es bestand auch danach eine gewisse Nachfrage für Hanf, da einige Produkte wie etwa Säcke, Taue und teilweise auch Papier weiterhin aus Hanf hergestellt wurden. Sie war jedoch nicht vergleichbar mit dem vorherigen Produktionsvolumen. In Europa wurde Hanf nach den Weltkriegen kaum noch angebaut, da Importe aus dem Ausland billiger waren als die lokale Produktion. In Kombination mit der aufkommenden Prohibition, die von den U.S.A. vorangetrieben wurde, verlor der Anbau und die Nutzung von Hanf in Europa zunehmend an Bedeutung.

Der Niedergang von Hanf als Nutzpflanze

Hanf als Nutzpflanze erfreute sich in den U.S.A. nach der Einführung durch Immigranten im 17. Jahrhundert größter Beliebtheit. So wurden etwa die ersten Versionen der amerikanischen Verfassung auf Hanfpapier verfasst. Durch technologische Neuerungen und aggressives Lobbying durch konkurrierende Industrien geriet die Hanfindustrie Anfang des 20. Jahrhunderts jedoch zunehmend in Bedrängnis. Mithilfe von chemischen Prozessen wurde die Herstellung von Papier aus Holzfasern möglich. Außerdem schuf die zunehmend perfektionierte Gewinnung von synthetischen Fasern aus Erdöl eine ernstzunehmende Konkurrenz zu pflanzlichen Fasern.

Einflussnahme durch Lobbyisten konkurrierender Industrien

Zusätzlich nutzte die Papier- und Baumwollindustrie ihren politischen Einfluss und setzte sich für eine Steuer ein, die den Anbau von medizinisch wirksamem Hanf (Marihuana) ökonomisch unattraktiv machen sollte. Als Argumentation diente den Lobbyisten ein angeblich angestiegener Konsum von Marihuana als Rauschmittel und negativen Auswirkungen innerhalb der Bevölkerung. Daraufhin wurde im Jahr 1937 durch den „Marijuana Tax Act“ eine Steuer von 100 Dollar pro Unze medizinischem Cannabis erhoben, was den Anbau, Handel und Verkauf von Cannabis als Arzneimittel nahezu unmöglich machte. Vorausgegangen war eine Schmutzkampagne des „Federal Bureau of Narcotics“ (FBN). In der Konsequenz geriet die komplette Nutzhanfindustrie in ein schlechtes Licht.

Die Verteufelung von „Marihuana“

Während den 30iger Jahren propagierte das FBN, die Vorläuferorganisation der „Drug Enforcement Agency“ (DEA), ein Verbot von Cannabis. Zu der Zeit stellte Hanf immer noch einen Hauptwettbewerber gegenüber Baumwolle und Holz als Rohstoff für Textilien und Papier dar. Führende Persönlichkeiten dieser mächtigen Industrien lobbyierten gegen die Hanfindustrie und fanden in der Person Harry J. Anslinger, dem damaligen Leiter des FBN einen willfährigen Handlanger. Dieser war ein entschiedener Gegner von Betäubungsmitteln. Die damalige Dynamik ist auch auf die gescheiterte Prohibition von Alkohol und der anschließenden Arbeitslosigkeit unter den „Federal Prohibition Agents“ zurückzuführen, die für die Durchsetzung des Alkoholverbots zuständig waren. Die Beamten fanden in der Prohibition von Marihuana eine neue Aufgabe und die Regierung einen neuen Kulturfeind. Auch der innerhalb der Jazz-Kultur verbreitete Konsum von Marihuana stellte eine wichtige Komponente der Dynamik dar. Sie bestand zu einem großen Teil aus Afroamerikanern. Die Konsumenten wurden pauschal als faul und „dreckig“ verunglimpft, was dem in der Bevölkerung verbreiteten Rassismus in die Hände spielte. So wurden durch die Propagandakampagnen des FBN absurde Gerüchte verbreitet, z.B. dass Mexikaner und Schwarze berauscht weiße Frauen vergewaltigen würden.

Verbot von Hanf als Arzneimittel

Trotz Widerstandes der American Medical Association (AMA), die den pharmazeutischen Nutzen von Cannabis betonte, kam es 1942 zu einem Verbot von Marihuana, inklusive pharmazeutischen Cannabis-Produkten. 1972 wurde der Besitz von kleinen Mengen Cannabis durch den „Controlled Substances Act“ unter harte Strafen gestellt, um schwarze und hispanische Gemeinden, in denen der Konsum von Marihuana stärker verbreitet war als unter weißen, zu diskriminieren. Die Hanfpflanze war aufgrund ökonomischer und ideologischer Interessen innerhalb von 50 Jahren erfolgreich stigmatisiert worden. Das Verbot von Cannabis als Rauschmittel wurde 1961 In Form des „Einheitsabkommens über die Betäubungsmittel“ auch international durchgesetzt.

Heutige Rechtsprechung

Die EU-Kommission berief sich auf ebendiesen, 60 Jahre alten (!) völkerrechtlichen Vertrag, als sie vorschlug auch Cannabidiol (CBD) pflanzlichen Ursprungs als Betäubungsmittel einzustufen. Diese Einschätzung widerspricht der Aussage der World Health Organization (WHO), die kein Missbrauchspotenzial oder sonstige Risiken bei dem Konsum von CBD feststellen kann. Das kürzlich durch den Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) gefällte Urteil, dass das CBD-Verbot in Frankreich kippte, entspricht der Meinung der WHO. Nationale Gerichte müssten „erst wissenschaftliche Daten berücksichtigen, um sicherzustellen, dass das echte Risiko für die öffentliche Gesundheit nicht rein auf hypothetischen Annahmen besteht.“ Die Entscheidung für ein Verbot von CBD sei erst gerechtfertigt, wenn dieses Risiko auch wirklich anzunehmen ist. Auch die globale Prohibition von THC-haltigem Cannabis erfährt durch wissenschaftliche Erkenntnisse und anschließenden Neubewertungen durch nationale Regierungen mehr und mehr Rückschläge. So legalisierten mehrere US-Bundesstaaten sowie Urugay, Kanada, Südafrika und weitere Staaten THC-Cannabis für den Freizeitgebrauch. Der Konsum zu medizinischen Zwecken wird mittlerweile nur noch von überzeugten Gegnern der Pflanze infrage gestellt.

Die Wiederentdeckung von Hanf als Nutzpflanze

Im Hinblick auf die ökologische Krise und die Nachhaltigkeit des Anbaus von Hanf gelangte die Pflanze während den letzten Jahrzehnten zu neuer Popularität, was zur Wiederentdeckung ihrer positiven Eigenschaften führte. Sie schont den Boden, muss im Outdoor-Anbau nicht bewässert werden und ist sehr resistent gegenüber Schädlingen. In der ökologischen Landwirtschaft ist Hanf auch deswegen beliebt, weil er als Zwischenfrucht den Boden aufwerten kann. Seine Pfahlwurzeln reichen bis in tiefere Bodenschichten, wodurch keine Bewässerung nötig ist. Nach der Ernte verrotten die Wurzeln und liefert als Biomasse wertvolle Nährstoffe für Folgekulturen. Zusätzlich unterdrückt die Pflanze sehr erfolgreich Unkräuter. Außerdem ist die sie sehr vielseitig nutzbar. Hanf kann als nachhaltiger Rohstoff zur Herstellung von Fasern, zur Gewinnung von Lebens- und Arzneimitteln genutzt werde. Die Samen enthalten wichtige Nährstoffe, seine Fasern sind sehr robust und das medizinische Potential von pflanzlichen Cannabinoiden scheint unerschöpflich. Etwas, was schon die Chinesen vor 10.000 Jahren wussten. Womöglich geht die Beziehung zwischen Hanf und Mensch so tief, dass sie uns zu dem gemacht hat, was wir heute sind. Forscher gehen in neuen Untersuchungen davon aus, dass sich die Cannabinoid-Rezeptoren des menschlichen Körpers in Koevolution mit der Hanfpflanze entwickelt haben. Die Spezies Cannabis sativa L. scheint wortwörtlich ein Teil der Spezies Homo sapiens geworden zu sein.

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